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Jugendkonzentrationslager Uckermark

Das Jugendkonzentrationslager für Mädchen* und junge Frauen* in der Uckermark (Brandenburg) wurde im Frühjahr 1942 von Inhaftierten des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück errichtet. Bis 1945 zählte das Lager circa 1200  inhaftierte Mädchen* und junge Frauen*. Konzipiert war das Lager für 16 bis 21-Jährige. Es waren jedoch auch wesentlich jüngere Mädchen* inhaftiert.  Ein Erlass von 1937 über die >vorbeugende Verbrechensbekämpfung< (Fußnote)  hatte die Inhaftierung von als >asozial< kriminalisierten Mädchen* und Frauen* möglich gemacht. Das Lager wurde von den Nationalsozialisten als Jugendschutzlager bezeichnet. Viele der Mädchen* und jungen Frauen* kamen aus öffentlichen Fürsorgeeinrichtungen (zum Beispiel aus Heimen)  und wurden von dort in das Jugendkonzentrationslager überstellt. Sie wurden von den NS-Institutionen als sogenannt >sexuell verwahrlost<, >unerziehbar<, >asozial<, als >arbeitsverweigernd< und/oder widerständig bezeichnet. In einem Sonderblock waren slowenische Partisan_innen und polnische politisch verfolgte Mädchen*und Frauen* untergebracht. Einige Mädchen* und Frauen* waren aus rassenideologischen Gründen als Jüdinnen_Juden, Sinti_zze und Rom_nja inhaftiert. Die Mädchen* und jungen Frauen* stellten gemäß der NS Ideologie eine Gefahr für den Volkskörper dar.
Berichten von Inhaftierten zufolge waren auch einige Jungen* im KZ Uckermark eingesperrt. Das Lager war allerdings speziell auf die Verfolgung von Mädchen* und jungen Frauen* ausgerichtet. Jungen* und junge Männer* waren in dem Jugendkonzentrationslager Moringen (Niedersachsen) inhaftiert.
Sowohl das Jugendkonzentrationslager als auch der spätere Vernichtungsort waren eng mit dem danebenliegenden Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verknüpft.
Das Jugend-KZ unterstand dem Reichskriminalpolizeiamt und die Lagerleitung hatte die Kriminalrätin Lotte Toberentz inne. Im Lager waren 80-100 Aufseherinnen angestellt, die als sogenannte Erzieherinnen tätig waren.
Soweit bekannt, bestand das Lager aus 15 – 17 Baracken in denen die Mädchen* und junge Frauen* untergebracht waren. Sowohl die Häftlingsbaracken als auch das gesamte Lager waren mit hohen Stacheldrahtzäunen umgeben. Außerhalb des Stacheldrahtzauns gab es noch andere Baracken und Häuser, die zum Lager gehörten wie zum Beispiel Unterkünfte für die Aufseherinnen, Gewächshäuser und eine Kaninchenzucht. Die Firma Siemens & Halske errichtete 1942 neben dem KZ Ravensbrück eine Produktionsstätte, in der Inhaftierte aus beiden Konzentrationslagern Zwangsarbeit verrichten mussten. Ab 1944 baute die Firma zwei weitere Fertigungsbaracken direkt auf dem Gelände des KZ Uckermark.
Der Tag im Lager begann um 5 Uhr mit dem sogenannten Frühsport. Danach folgten 10-12 Stunden Zwangsarbeit und mehrere Stunden Appell stehen. Die schwere Arbeit, die mangelnde Versorgung und die medizinischen Unterversorgungen führten zu Krankheiten und bis zum Tod.

Vernichtungsort Uckermark

Ende 1944 wurde ein Teil des Jungendkonzentrationslagers geräumt. Nur circa 50 – 60 Mädchen* und junge Frauen* und ihre Aufseherinnen verblieben in vier abseits gelegenen Baracken – vom übrigen Lager abgeschirmt.
Das Lager wurde zu einem Vernichtungsort umfunktioniert. In den Vernichtungsort wurden zunächst Verfolgte aus dem überfüllten KZ Ravensbrück, später auch aus anderen Konzentrationslagern und Ghettos deportiert. Unter ihnen waren viele ungarische Jüdinnen_Juden, Widerstandskämpfer_innen unterschiedlicher Nationalitäten und Frauen*, die nach der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto nach Ravensbrück deportiert wurden.
Die Lebensbedingungen im Lager wurden systematisch und drastisch verschlechtert, um die Frauen* schon allein durch Hunger, Krankheit und Kälte zu töten. Viele wurden auch durch Giftinjektionen bzw. der Verabreichung des giftigen Pulvers umgebracht. Ab Februar 1945 wurden die Frauen* in der inzwischen fertig gestellten Gaskammer im KZ Ravensbrück ermordet.
In der kurzen Zeit von Januar bis April 1945 wurden circa 5000 Frauen* ermordet.
Ende April 1945 wurden das Konzentrationslager Ravensbrück, das Jugendkonzentrationslager- und der Vernichtungsort Uckermark von der Roten Armee befreit.

Nach der Befreiung

Nach der Befreiung 1945 wurde das Gelände ab 1970 von der Roten Armee militärisch genutzt, die Überreste des Lagers abgerissen und überbaut. Das Gelände wurde so verändert, dass es heute kaum noch sichtbare Spuren gibt. Erst der Abzug der GUS-Truppen (ehemalige Rote Armee) 1994 ermöglichte einen Zugang zum Gelände.
Die Topografie des Lagers ist bis heute nicht endgültig erforscht.
Den Mädchen* und jungen Frauen*, die hier inhaftiert waren, stand nach den Gesetzen der beiden deutschen Staaten keine Entschädigung zu, da sie nicht als Opfer des NS-Regimes anerkannt waren. Auch gibt es bis heute kaum gesellschaftliche Anerkennung ihrer Verfolgung und Leiden oder Solidarität mit Ihnen. Erst 1970 wurden die Jugendkonzentrationslager als Konzentrationslager betitelt und erst 2020 wurden die als >asozial< verfolgten Menschen von der Bundesregierung als Opfer des NS anerkannt.

Gedenkort KZ Uckermark/ antifaschistische Gedenkpolitik

Seit 1997 engagieren sich verschiedene antifaschistische-feministische Gruppen zusammen mit Überlebenden und deren Angehörigen dafür, den Ort öffentlich zugänglich zu machen und zu einem würdigen Gedenkort zu gestalten. Die Gedenkarbeit wird von der Initiative für einen Gedenkort KZ Uckermark getragen, zu der auch diese Website gehört. Seit 2005 finden jährlich Befreiungsfeiern auf dem Gedenkort statt. 2009 wurde ein Gedenkstein eingeweiht und 2020 eine neue Ausstellung. Jährlich werden antifaschistische-feministische Bau- und Begegnungscamps auf dem Gedenkort durchgeführt. Auf dem Gedenkort wird ein Konzept verfolgt, das als Offenes Gedenken bezeichnet wird. Dieses Konzept beinhaltet, dass sich auf dem Ort verschiedene Gedenkpraxen entwickeln können und die Stimmen der Überlebenden und deren Angehörigen im Zentrum stehen. Die Initiative wünscht sich, dass Menschen für den Ort und das Gedenken Verantwortung übernehmen.
Zu dieser antifaschistischen Gedenkarbeit gehört, zu benennen, dass auch heute noch Menschen diskriminiert und verachtet werden, die von Armut betroffen sind. Ebenso erleben Sinti_zze und Rom_nja sowie Menschen, die Sexarbeit leisten, Wohnungslose, Arbeitslose und Menschen, die in Jugendeinrichtungen leben, weiterhin Diskriminierungen.
Der Gedenkort Uckermark kann besucht werden und ist betret- und teilweise berollbar. Es gibt eine Ausstellung in deutscher und englischer Sprache. Ein Audioguide mit weiteren Informationen auf Deutsch, Englisch, Polnisch kann hier auf der Website heruntergeladen werden.
Eine Wegbeschreibung befindet sich unter dem Button: Kontakt. Bei weiteren Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt auf unter: initiative@gedenkort-kz-uckermark.de

ZITATE:

Anita Köcke/Inhaftierte des Jugend-KZ Uckermark
„Ich bin mehrere Male einfach weggelaufen. Und das wurde
dem Jugendamt gemeldet. Ich habe es nirgends lange ausgehalten,
ich war ein Wandervogel. […] Das Jugendamt war
hinter mir her, weil ich meiner Meldepflicht nicht nachkam.
Und so ist mein Leben verlaufen, ich kam ins Gefängnis und
dann von einem Gefängnis ins nächste.“
Interview mit Anita Köcke.

Stanka Simonetti/Inhaftierte des Jugend-KZ Uckermark
„[…] Der schreckliche Hunger war immer, immer da. Und dazu war es oft Strafe, die Entziehung der Kost! Das nicht richtig gemachte Bett, zu faul bei der Arbeit, gesprochen mit der Nachbarin und noch vieles ähnliche wurde mit Hunger bestraft. Noch viel weniger und viel schlechter war das Essen gegen Kriegsende. Monatelang zu hungern in den Jahren, wo man sich noch seelisch und körperlich entwickelt, das hat Folgen fürs ganze Leben. Die Leute von heute können das nicht ganz genau verstehen, denn es ist die Hauptsache, dass man nicht zu viel isst. Mich wird wohl die übertriebene Sorge ums Essen bis zum Ende nicht loslassen.“
Auszug eines Briefes von Stanka Simoneti, den sie zur Uckermark Gedenkfeier 2007 geschickt hat.


Maria Massariello Arata/Inhaftierte des Vernichtungsortes
„Eisengitter, SS-Schergen! Wir überschreiten die Schwelle. Es gibt in
diesem dichten Pinienwald des Jugend-Lagers, des Lagers des Todes oder
besser des Vorzimmers zum Tod, nur wenige Baracken aus hellem Holz.
Nicht alle Baracken des Lagers werden benutzt, denn der Ort versteht
sich nicht als Aufenthaltsort armseliger Häftlinge, nein, er ist ein
Durchgangsort, ein Selektionsort, durch den das Hauptlager gesäubert
werden kann.“
Maria Massariello Arata: Ravensbrück: Tagebuch einer Deportierten. Edition Sturzflüge Studien Verlag, 2005, S. 102f.


Fußnoten:

  1. Wir verwenden den Unterstich (Gender Gap) bei geschlechtsspezifischen Bezeichnungen, da er Identitäten außerhalb einer binären Geschlechterordnung (männlich/weiblich) mit einschließt.
    In unserer Verwendung des * (Genderstern) wollen wir Platz lassen für Menschen, die als Mädchen und Frauen eingesperrt wurden, aber sich nicht als solche identifiziert haben. Da wir die Mädchen* und Frauen* nicht mehr fragen können, haben wir ihnen ein * gegeben.
    Wir haben uns entschlossen, die Bezeichnung Nationalsozialisten nicht zu Gendern, da die NS-Ideologie verschiedene Gender-Identitäten explizit ausschließt.
  • Die Sprache der Nationalsozialisten ist extrem menschenverachtend. Wenn wir über diese Zeit schreiben, ist es fast unmöglich, ganz ohne das Zitieren dieser menschenverachtenden Begriffe auszukommen. Um uns von bestimmten Begriffen zu distanzieren, haben wir uns entschieden, diskriminierende Begriffe (des Nationalsozialismus) so zu kennzeichnen > <.
    Textlich sieht das so aus: >asozial<.
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