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Irma Trksak

Irma Trksak

„Wie soll man mit dem Leben zurechtkommen, wenn dort täglich
Hunderte Menschen zugrunde gegangen waren?“

Irma Trksak
Portrait Irma Trksak

Irma Trksak wurde am 2. Oktober 1917 als zweites von vier Kindern geboren. Die Familie war vor dem Ersten Weltkrieg aus der Slowakei nach Wien gezogen, um hier Arbeit zu finden. Der Vater war Sozialdemokrat und gelernter Schuster.
Irma Trksak wuchs dreisprachig (tschechisch, slowakisch, deutsch) auf und machte ihre ‚Matura‘ an einem tschechischen Realgymnasium, was für ein Mädchen aus einer Arbeiter_innenfamilie eine
Seltenheit war. Danach besuchte Irma Trksak ein Jahr die pädagogische Akademie in Prag und erhielt eine Anstellung als Lehrerin an der tschechischen Volksschule in Wien. Als die tschechischen Schulen 1940 von den Nationalsozialisten geschlossen wurden, begann sie ein Slawistik-Studium. Eine einschneidende Zeit für sie: „In dieser Zeit setzt meine Widerstandstätigkeit ein, zunächst in einer Zensurstelle für Briefe in slawischen Sprachen und dann in meiner Gruppe im Tschechoslowakischen Turnverein. In diesem Verein hat sich alles abgespielt. Wir waren durch ihn getarnt, wir konnten – im Rahmen dieses Vereins – in die Lobau gehen, haben Spaß gemacht, gesungen, sind gewandert – und konnten dabei beraten, wie wir unsere Widerstandstätigkeit ausüben, ohne dass die Nazis uns draufgekommen sind.“

Irma Trksak und ihr Freund Ludwik Štěpánek vervielfältigten Flugblätter, verteilten sie und halfen bei Sabotage-Aktionen mit: „Ich sag immer, ich habe drei – in den Augen der Nazis – drei Verbrechen auf meinem Kerbholz. Erstens einmal sind es die Flugblätter, die wir verfasst haben, bevor der Krieg war. Wo wir versucht haben, die Bevölkerung aufzuklären, was es bedeutet, dass Hitler jetzt da ist. […] Das zweite war dann das Schreiben von Kettenbriefen an die Soldaten, wozu wir ihre Feldpostnummern herangezogen haben.“ In diesen Kettenbriefen standen Fragen an die Soldaten: „‘Was will Hitler mit diesem Krieg? Das ist nicht Euer Krieg.‘ […] Und als Drittes haben wir auch versucht – ich sag immer – ‚Sand zu streuen in das Getriebe der Kriegsmaschinerie‘. Wir haben Kontakte aufgenommen zu Eisenbahnern, wo wir wiederum verlässliche Leute ersucht haben, sie sollen die Fahrpläne nicht einhalten, dass das Kriegsmaterial nicht so schnell an die Front kommt, dass die Transporte mit den Häftlingen nicht so schnell in die KZs kommen, dass sie ein bisschen Chaos erzeugen – das dann später sowieso vorhanden war. Damit sich das alles verzögert, die ganze Geschichte, dass das nicht so schnell geschieht, und wir haben sogar ganz kleine – wenn man das jemanden erzählt, der wirklich Sabotage gemacht hat, wird er lachen darüber, aber wir haben auch ganz kleine – Sabotageakte gemacht.“ Viele Mitglieder der Gruppe, zu der auch einer von Irma Trksaks Brüdern gehörte, wurden im Laufe der Zeit verhaftet, 20 von ihnen wurden hingerichtet.

Am 29. September 1941 wurde Irma Trksak von der Gestapo verhaftet. Einen Tag später auch ihr Freund, in dessen Garten ein vergrabenes Abziehgerät gefunden wurde. Ein Jahr lang war sie im berüchtigten Wiener Polizeigefängnis Roßauer Lände, das auch von der Gestapo genutzt wurde, inhaftiert und konnte trotz zermürbender monatelanger Einzelhaft und zahlreichen Demütigungen überleben.

Mit 13 weiteren Frauen aus der tschechischen Widerstandsgruppe wurde Irma Trksak nach Ravensbrück deportiert und dort am 2. Oktober 1942 – ihrem 25. Geburtstag – als Konzentrationslager-Häftling Nr. 14177 registriert. Sie musste Zwangsarbeit bei Siemens leisten, wo sie als Schreiberin die Arbeitsleistung der Häftlinge verzeichnen musste. Auch hier leistete sie Widerstand. Sie verfälschte die Statistiken der Arbeitsleistungen der Zwangsarbeiterinnen und schützte so diejenigen, die das Arbeitssoll nicht erbringen konnten. Als 1944 ein eigenes Siemenslager direkt neben den Betriebsstätten errichtet wurde, wurde Irma Trksak Stubenälteste in der Internationalen Stube. Marie Karbusová, Stubenälteste auf der Tschechischen Stube, und Irma Trksak wurden denunziert, weil
sie politische Aktivitäten und politische Diskussionen duldeten. Als Strafe wurden sie in das spätere Vernichtungslager Uckermark deportiert. Irmas Verdacht, dass Frauen im Vernichtungslager Uckermark durch Gift getötet oder in Ravensbrück vergast wurden, bestätigte sich nach dem Krieg.

Mit Hilfe von Elisabeth Thury, Chefin der Lagerpolizei in Ravensbrück, gelang es ihr, wieder ins Hauptlager rücküberstellt zu werden. Ende April wurden Irma Trksak und ihre Freundinnen auf den Todesmarsch getrieben, von dem sie am 29. April 1945 fliehen konnten. Rückblickend sind für sie diese letzten Monate im Konzentrationslager die „schwerste Zeit ihres Lebens“.

Nach einem langen Heimweg fand sie ihre Eltern wieder. Von den Geschwistern hatte nur die ältere Schwester überlebt, die als Au-pair-Mädchen in England war. Ihr Bruder Stefan war an der Front gestorben. Irma Trksaks Bruder Jan und ihr Verlobter Ludwik Štěpánek waren in einem Nebenlager des KZ Mauthausen ermordet worden.

1947 war sie Zeugin in den Hamburger Ravensbrück-Prozessen. Im selben Jahr war sie eine der Gründer_innen der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück. Sie war viele Jahre sowohl in der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück als auch beim Internationalen Ravensbrück Komitee (IRK) aktiv.

Irma Trksak engagierte sich viele Jahrzehnte lang als Zeitzeugin. Sie hielt Vorträge in Schulen und stellte sich für Dokumentationen und Reportagen zur Verfügung. Bis über ihr 90. Lebensjahr hinaus nahm Irma Trksak an vielen Gedenkfeiern zum Jahrestag der Befreiung in Ravensbrück und Uckermark teil, sprach auf Gedenkfeiern und besuchte Bau- und Begegnungscamps zum Konzentrationslager Uckermark.

Im Oktober 2013 feierte sie ihren 96. Geburtstag. Wenn sie auf ihr Leben zurückblickt, sagt sie, sie ist zufrieden. Sie sieht die Reichtümer, die sie hat, nicht die Qualen der Vergangenheit. Gerade deswegen ist es ihr wichtig, dass zur Erinnerung auch immer die Mahnung gehört. Sie wünscht sich, dass alle die Verantwortung dafür übernehmen, nie wieder Faschismus und Konzentrationslager entstehen zu lassen.

Irma Trksak verstarb am 11. Juli 2017 in Wien.

Nachruf:

Irma Trksak ist am 11. Juli 2017 gestorben. Am 2. Oktober 2017 wäre sie 100 Jahre alt geworden. Sie wird uns fehlen! Wir sind ihr unendlich dankbar für ihren Mut, ihr Vertrauen in uns und unsere Arbeit und für alles, was sie mit uns geteilt hat. Bitte lesen Sie unseren Nachruf (als pdf)

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