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Łucja Barwikowska

Łucja Barwikowska

„Das schlimmste war, dass sie uns von der Mutter weggenommen haben.“

Łucja Barwikowska
Porträt von Łucja Barwikowska

Łucja Barwikowska wurde am 15.12.1927 in Pruszcz bei Gdańsk (Polen) geboren.
Im Mai 1943 wurde sie an ihrer Arbeitsstelle beim Katasteramt in Tczew verhaftet. Mit ihren Eltern und ihrer Schwester verbrachte sie eine Woche in einem dunklen Kellergebäude in
Gestapo-HaftG. Nicht nur ihre Familie, auch Familien aus ihrer direkten Nachbarschaft wurden in das Konzentrationslager Stutthof bei Gdańsk überstellt.

Die Verhaftungen waren eine Racheaktion der deutschen Wehrmacht: Nach dem Überfall der Deutschen auf Polen war ihr Bruder mit sechs weiteren jungen Männern aus der Nachbarschaft zwangsrekrutiert worden. Sie waren an die Frontlinie Norwegens geschickt worden, mit einem Zug, der Schweden – als neutrales Land – passierte. Hier hatten sie eine günstige Gelegenheit genutzt, waren vom Zug gesprungen und desertiert.

Ein Jahr Stutthof bedeutete für Łucja ein Leben hinter Stacheldraht, ständige Präsenz von SS-Männern und -hunden, der Geruch des Krematoriums und schwerste Zwangsarbeit in der Landwirtschaft, in den Werkstätten der DAW (Deutsche Ausrüstungswerke), in der Sattlerei und der Gurtweberei. Im Winter 1943 rächte sich Łucja Barwikowska mit einigen anderen Mädchen aus ihrer Baracke an einem Kapo, den sie immer wieder beobachtet hatten, wie er Häftlinge brutal schlug. Sie lauerten ihm auf, bewarfen ihn mit Schnee, rissen ihn zu Boden und rieben ihn mit Schnee ein. Die Strafe kam prompt: Appell stehen.

Im Mai 1944, wurden die 16-jährige Łucja Barwikowska, ihre 14-jährige Schwester und ihre Leidensgefährtin Bronka M. nach Ravensbrück transportiert. Damit wurden sie von ihrer geliebten Mutter getrennt, was das Schlimmste für sie war.

Unwissend warum und was sie erwartete durchliefen sie die Aufnahmeprozedur in Ravensbrück und wurden dann in das Jugend-KZ Uckermark gebracht. Dort wurden die Mädchen in verschiedenen Blöcken untergebracht und konnten ab diesem Zeitpunkt nicht mehr miteinander sprechen. Łucja Barwikowska blieb im Block der Sloweninnen, im sogenannten Sonderblock. Sie arbeitete in diversen Arbeitskommandos: Strickerei, Waldkommando, Hofkommando, Kaninchenzucht, Wäscherei. Zum Ende der Haft arbeitete sie als Lagerläuferin und im Revier.

Besonders entwürdigend waren die gynäkologischen Untersuchungen, denen die Frauen ausgesetzt wurden. Begonnen hatte dies bereits in Stutthof und wurde im KZ Uckermark beziehungsweise Ravensbrück fortgesetzt. Bronka M. war nach diesen medizinischen Experimenten unfruchtbar.

Ende 1944 wurden Teile des Jugend-KZs für das Vernichtungslager abgetrennt: Auf der einen Seite des neu errichteten elektrisch geladenen Zauns wurden Selektierte aus Ravensbrück systematisch ermordet. Auf der anderen Seite verblieben noch einige Mädchen bis kurz vor Kriegsende – unter ihnen Łucja Barwikowska und ihre Schwester. Die letzten drei Wochen vor der Befreiung waren sie als Zwangsarbeiterinnen in einem Hotel in Fürstenberg eingesetzt.

Nach der Befreiung legten sie einen weiten, langen Weg zurück – 200 km davon auf zerschundenen Füßen, bis sie ihre Heimatstadt Tczew bei Gdańsk erreichten. Hier fanden sie die Wohnung ausgebombt, die Mutter nicht zurückgekehrt, den Vater psychisch verloren und hilfsbedürftig. Heute sagt sie: Es fehlte jegliche psychologische und ärztliche Unterstützung – wir wurden alleine gelassen mit dem Erlebten.

Łucja Barwikowska hat Jahrzehnte nicht darüber gesprochen, was sie während ihrer Gefangenschaft erlebte – auch nicht in ihrem Familienkreis. 2008 wagte sie zum ersten Mal den mutigen Schritt und erzählte ihre Geschichte auf einem Uckermark-Forum in der
Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Auch ihrem Sohn Marek, der sie begleitete, hatte sie bisher erst sehr wenig von ihrer Verfolgungsgeschichte erzählt. Seitdem spricht Łucja Barwikowska immer wieder in der Öfentlichkeit, unterstützt durch Marek und ihre Schwiegertochter Beta.

Zur Zeit lebt sie in der Nähe von Gdańsk und nimmt mehrmals im Jahr den weiten Weg auf sich, um zum Bau- und Begegnungscamp auf dem Uckermark-Gelände, zur Gedenkfeier in der Uckermark und zu den jährlichen Tagungen der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis zu kommen.

Sie wünscht sich eine Welt, die für alle gut ist!

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