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Nachruf Ilse Heinrich

Am 31. August 2023 ist unsere Freundin Ilse Heinrich gestorben.

Wir fühlen uns Ilse sehr verbunden und sind sehr traurig über diese Nachricht. In Gedanken sind wir bei ihr und unser tiefes Mitgefühl gilt ihren Zugehörigen, ganz besonders ihren Kindern.

Ilse Heinrich wurde am 17. Juli 1924 in Hornstof bei Wismar geboren. Als Kind musste sie auf dem Feld mithelfen, später wurde sie zum Arbeiten auf einen fremden Bauernhof geschickt. Von dort floh sie immer wieder und wurde immer wieder von der Kriminalpolizei zurückgebracht. Rückblickend sagte Ilse: „Das nannte man dann ja arbeitsscheu, so, als wollte ich nicht arbeiten.“ 1943 wurde Ilse ins Arbeitshaus Güstrow eingesperrt und musste Zwangsarbeit leisten. Von dort aus wurde sie 1944 mit dem Haftgrund „asozial“ ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Sie überlebte das KZ Ravensbrück schwer krank und fast verhungert.

Nach der Befreiung aus dem KZ wollte Ilse, weiterer Hürden und Stigmatisierungen zum Trotz, ein neues Leben anfangen. Sie konnte endlich das Landleben hinter sich lassen und in die große Stadt, nach Berlin, ziehen. Dort heiratete sie und bekam Kinder. Um Entschädigungszahlungen musste sie lange kämpfen. Die Verfolgung als „arbeitsscheu“ und „asozial“ wurde jahrzehntelang nicht als NS-Unrecht anerkannt und damit waren die Verfolgten von Entschädigungsleistungen ausgeschlossen. Nach jahrelangen Kämpfen und bürokratischen Hürden bekam Ilse schließlich eine geringe Einmalzahlung und Rentenzahlungen.

Ilse war unter den Ersten, die den Mut hatten, über ihre Verfolgung als sogenannt „asozial“ zu sprechen. Seitdem setzte sie sich für die Erinnerung an das Schicksal der von den Nationalsozialisten als „arbeitsscheu“ und „asozial“ verfolgten Menschen ein. Ilse engagierte sich unermüdlich – besuchte Schulklassen, gab Interviews, sprach auf Befreiungsfeiern und Tagungen. Oft war sie im Duo mit Charlotte Kroll unterwegs, die ebenfalls das KZ Ravensbrück überlebt hatte und mit der sie eine enge Freundschaft verband. 2015 erhielten Ilse und Charlotte das Bundesverdienstkreuz als Würdigung ihres Engagements als Zeitzeuginnen, was Ilse viel bedeutete. Vor dem Haus der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis wurde für Ilse und Charlotte ein Apfelbaum gepflanzt, den sie gern besuchten – er wächst und wächst …

Ilse erzählte ihre Geschichte bis ins hohe Alter immer wieder, damit so etwas nie wieder geschehen kann. Sie stellte sich den schmerzhaften Erinnerungen, obwohl es oft schwer für sie war.

Sie war mit unserer Initiative immer im Kontakt und hat uns häufig auf Bau- und Begegnungscamps und Befreiungsfeiern besucht. Wir sind sehr dankbar für Ilses Vertrauen, dass sie ihre Erinnerungen mit uns teilte, häufig unterstützt von ihrer Tochter Tina. Besonders erinnern wir die schönen Momente, die wir mit Ilse verbringen durften – beim Kaffeetrinken, mit einem schelmischen Lachen und immer einen knackigen Spruch parat.

Neben allen schmerzlichen Erinnerungen, die Ilse mit uns und so vielen geteilt hat, bleibt vor allem ein Lächeln, das sich unwillkürlich ausbreitet, wenn wir an sie denken. Schön, dass wir Ilse kennenlernen durften. Wir werden sie immer als ganz besonderen Menschen in Erinnerung behalten.

Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V., September 2023

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